Warum es wichtig ist, dass du manchmal einfach loslassen kannst*

So kannst du manchmal loslassen

Das Kontrolle-Bewahren- und das Bestimmen-Wollen


Die meisten Menschen haben ab und an das Bedürfnis, in einer Situation die Kontrolle bewahren zu müssen oder bestimmen zu wollen, in welche Richtung sich ein Geschehen ändert. Diese Bedürfnisse sind ganz normal und mitunter überlebenswichtig.
Stell dir vor, du bist mit einer Gruppe Freunden unterwegs und jemand schlägt vor, etwas wirklich Waghalsiges zu machen. Die anderen sind vielleicht angetrunken oder einfach nur in einer Gruppenzwang-Fahrlässigkeitsstimmung und lassen sich überreden. Hättest du jetzt nicht den Drang, einen Schritt zurückzugehen und die Situation unter Kontrolle bringen zu wollen, könnte es passieren, dass sich irgendjemand von deinen Freunden (eingeschlossen du selbst) verletzt. Oder, dass gar etwas Schlimmeres passiert.
Doch das Bedürfnis nach Kontrolle hat auch Schattenseiten. Denn wenn du immer darauf bedacht bist, eine Situation zu kontrollieren, möchtest du sicher auch bestimmen, was gemacht und was gedacht wird. Dann hast du es ab und an im Umgang mit anderen jedoch deutlich schwerer. Denn es ist wichtig, dass du dich Vorschlägen anderer öffnest und deren Meinung als gleichberechtigt zu deiner eigenen akzeptierst. Andernfalls wirst du vermehrt mit Leuten in Diskussionen geraten und soziale Probleme bekommen.
Noch deutlich schwieriger aber wird es vor allem sein, selbst glücklich zu werden. Denn während das Kontrolle-Bewahren manchmal wichtig ist, ist es genauso wichtig, auch loslassen zu können. Dieses Loslassen erst wird dir dabei helfen, irgendwann nicht dauergestresst zu sein, weil du ständig irgendetwas verbessern oder bestimmen musst. Und vor allem wird es dir ein neues Verständnis vom natürlichen Lauf der Dinge beibringen.

Loslassen im Alltag – Lohnt sich, oder?

Das Einschlafen lässt sich nicht kontrollieren

Wo wir schon beim "natürlichen Lauf der Dinge" sind – In einigen Situationen in deinem Alltag musst du nicht nur loslassen, du tust es sogar regelmäßig. Und in manchen Fällen sogar jeden Tag.

Hast du schon einmal probiert, das Einschlafen zu kontrollieren? Das funktioniert nicht, ist doch der Schlaf ein unterbewusster Prozess. Deshalb liest man in Tipps zum Einschlafen auch immer wieder ganz konkret, dass man versuchen sollte, loszulassen. Wie genau das auch hier funktionieren kann, erklären wir später. Der krampfhafte Versuch, endlich einzuschlafen, erziele nur das Gegenteil. Versuchst du, abends im Bett die Kontrolle zu behalten, wirst du entweder verstärkt Probleme damit haben, einzuschlafen oder irgendwann so müde vom Kontrollieren sein, dass du doch wieder einschläfst. Am Automatismus des Einschlafens selbst ändert das dann aber nichts. 

Und um noch ein weiteres Beispiel zu nennen, bei dem du dich im Alltag regelmäßig "gehen" und somit einfach loslässt – auch das Lachen klappt am besten, wenn es unkontrolliert geschieht. Findest du etwas wirklich lustig, musst du nichts aktiv dafür tun, dass du die Situation durch die körperliche Reaktion des Lachens so richtig genießt. Verhinderst du diese natürliche Massage deines Zwerchfells, hast du nur halb so viel Spaß. Und warum solltest du das auch tun, hat doch die Natur die natürlichen Lachmechanismen aus irgendeinem bestimmten Grund geschaffen.

Wo Loslassen sich außerdem auszahlt – Ein paar Beispiele

Ganz natürlich ist es eigentlich auch, dass du in bestimmten anderen "Bereichen", Situationen oder Momenten deines Lebens loslässt, um Emotionen voll auskosten zu können. Oder Dinge besonders intensiv zu erleben. Oder besonders viele Erkenntnisse aus einer Situation zu ziehen. Anders als beim alltäglichen Loslassen jedoch, hast du es mitunter verlernt, dich hier einfach dem Moment zu überlassen. Die Kontrolle abzugeben und dich dem Zufall, Schicksal oder einfach dem natürlichen Lauf der Dinge zu überlassen.

Beim Spielen

Fangen wir mit einem einfachen Beispiel an, dem Spielen. Schon Friedrich Schiller sagte einmal: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Es gehört seiner Meinung nach also zum Menschsein und nicht nur zum Kindsein dazu, zu spielen. Die Wissenschaft unterschreibt diese These. Der Spieltrieb helfe den Menschen dabei, durch Versuch und Irrtum zu lernen und dabei Erkenntnisse über das Leben und die Welt zu erlangen.

Warum es wichtig ist, dass du manchmal einfach loslassen kannst*

Das Interessante ist: Spielen funktioniert nur, indem du loslassen kannst. Das steckt schon in den Begriffen Versuch und Irrtum. Ein Versuch ist ein Experiment und ein Experiment kann nicht vollkommen kontrolliert werden. Der Ausgang des Experiments ist ungewiss. Derjenige der experimentiert lässt los, indem er den Verlauf des Experiments dem Zufall überlässt. Nur, wer so verfährt, kann das Experimentieren und somit auch den Versuch, das Spiel genießen und daraus Erkenntnisse gewinnen.

Man kann dieses Prinzip auf alle Arten des Spielens übertragen. Wer gerne pokert oder Roulette spielt und fest damit rechnet zu gewinnen, wird vermutlich enttäuscht werden. Ein Spiel kann im Grunde nie vollkommen kontrolliert werden. Auch rein taktische Spiele benötigen meist auch eine Portion Glück, um sie zu gewinnen. Und genau darin liegt letztlich auch der Reiz. Kannst du hier loslassen, macht das Gewinnen erst so richtig Spaß. Und wenn du verlierst, kannst du damit leben. Denn bei einem "Versuch" gehört das Scheitern nun einmal dazu.

Bei Schmerzen

Schmerzen hast du vermutlich nicht jeden Tag. Zum Glück, schließlich sind chronische Schmerzen oder ständig auftretende körperliche Beschwerden eine extrem unschöne Sache. Doch manchmal lassen sich Schmerzen nicht vermeiden. Wenn du dir etwa den großen Zeh stößt oder dir das Knie aufschlägst. Auch unter Regelschmerzen leiden viele Frauen immer wieder. 

All diese Schmerzen werden nicht besser dadurch, dass du dich in sie hineinsteigerst. Fragst du dich, warum ausgerechnet du dich jetzt schon wieder verletzen musstest und denkst du die ganze Zeit, dass der Schmerz so schnell wie möglich wieder aufhören soll, quälst du dich nur unnötig selbst. Stattdessen solltest du versuchen, ihn anzunehmen. Er ist nun einmal da. Also musst du ihn akzeptieren und loslassen. Mit etwas Glück geht er dann schneller wieder weg, als du es dir ausmalen kannst.

In der Liebe

Auch in der Liebe musst du loslassen können. Und zwar in guten, wie in traurigen Zeiten. In guten, um Leidenschaft und Zuneigung so richtig zu spüren, in schlechten Zeiten, um über eine vergangene Liebe hinwegzukommen.

Mit Sicherheit hast du auch schon einmal Liebeskummer gespürt. Traurige Lieder, das Schwelgen in Erinnerungen mittels Fotos, das Schreiben von Liebesnachrichten oder gar Liebesbriefen – all diese Dinge ziehen einen magisch an. Allerdings machen sie den Prozess des Abschließens mit einer beendeten Beziehung nicht gerade leichter.

Übst du dich hingegen im Loslassen, wirst du zwar auch nicht von heute auf morgen über einen Menschen hinwegkommen. Du kannst dich aber leichter damit abfinden, dass dieser Lebensabschnitt nun einmal vorbei ist. Und du kannst schneller wieder positiv nach vorne schauen, in eine Zukunft, die vielleicht eine noch schönere, glücklichere Liebe für dich bereithält. Doch wie übt sich das Loslassen nun eigentlich?

Das Loslassen gezielt üben

Es gibt nicht die eine richtige und für jeden perfekte Übung, um das Loslassen zu verinnerlichen und die eigenen Kontrollzwänge zu durchbrechen. Doch die Meditation hat sich dennoch als Übung bewährt, mit der du das Loslassen recht schnell spürbar in deinen Alltag integrieren kannst.

Setze dich zum Meditieren am besten halbwegs bequem in den Schneidersitz und lege deine Hände in den Schoß. Schließe deine Augen.
Atme nun langsam und lange durch die Nase ein und durch den Mund noch etwas langsamer wieder aus.
Versuche, dich voll und ganz auf deine Atmung zu konzentrieren. Es geht darum, nur dazusitzen und zu atmen. 

Warum es wichtig ist, dass du manchmal einfach loslassen kannst*

Du wirst merken, wie schwer das ist. Denn deine Gedanken werden von deiner Atmung immer wieder abschweifen. Alltagssorgen kommen dir wieder in den Sinn. Außerdem wirst du dich fragen, warum du überhaupt so hier sitzt und was das alles soll. All dies jedoch gehört zum Meditationsprozess dazu.
Versuche immer wieder zu deiner Atmung zurückzufinden. Deine wirren Gedanken gezielt wieder loszulassen, sobald sie kommen. Nimm sie an, lass sie aber auch wieder gehen.
Meditiere mindestens zehn, besser fünfzehn bis zwanzig Minuten und öffne erst danach wieder deine Augen. Versuche deine Empfindungen noch etwas mit in den restlichen Tag zu nehmen.
Wiederhole die "Übung" täglich, am besten gleich nach dem Aufstehen oder vor dem Schlafengehen. Durch die Übung des Gedanken-Loslassens wirst du dich im Loslassen-Können allgemein üben. Viel mehr wollen wir an dieser Stelle gar nicht dazu sagen. Du wirst sicherlich selbst schnell merken, welche Kraft die Meditation entfalten und welche positive Wirkung sie auf dein Leben haben kann.

* Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Fabio Bauder. Fabio Bauder (29) ist Freelancer im redaktionellen Bereich rund um die Themen Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie, Nachhaltigkeit, Meditation und Autogenes Training.