Warum können Vergewaltiger in den USA das gemeinsame Sorgerecht bekommen?

Sechs amerikanische Bundesstaaten sind direkt betroffen, 31 weitere indirekt

Schätzungen zufolge werden in den USA jährlich 32 000 Frauen nach einer Vergewaltigung schwanger – eine erschreckende Zahl, insbesondere da die Dunkelziffer weit höher liegen dürfte. Entschließen die Opfer sich nach einem solchen gewaltsamen Eingriff, ihr Kind auf die Welt zu bringen, lauert jedoch schon die nächste potentielle Gefahr: Denn in vielen Bundesstaaten ist es den Tätern aktuell noch möglich, das Sorgerecht für ihr Kind einzuklagen. 

Eine Bestandsaufnahme zur aktuellen rechtlichen Lage sowie zwei der bekanntesten Fälle findest du auf den nächsten Seiten.

Der Status quo: Kein ausreichender Schutz für Vergewaltigungsopfer

In sechs der insgesamt 50 Bundesstaaten der USA existiert aktuell keine klare Richtlinie, die es Gerichten verbietet, dem Täter nach einer Vergewaltigung das Sorgerecht einzuräumen. In 31 weiteren Bundesstaaten finden sich Gesetze, die genügend Schlupflöcher bieten, um einem solchen fragwürdigen Antrag auf Basis der Vaterrechte stattzugeben.

Zwar existiert seit 2015 ein Gesetz namens "Rape Survivor Child Custody Act", welches Vergewaltigungsopfer vor eben dieser zusätzlichen psychischen Belastung schützen und verhindern soll, dass Täter das Sorgerecht einklagen können, doch die Umsetzung scheint, je nach Staat, unterschiedlich gehandhabt zu werden. Dazu trägt unter anderem der sogenannte "Plea Deal" bei, eine Art Verständigung zwischen Täter und Gericht. Ein solcher Deal beinhaltet einen abgeschwächten Vorwurf und im Gegenzug eine mildere Strafe, die sich oftmals auch auf die Vaterrechte auswirken. Dem Staat beschert dies einen enormen Zeitaufwand und geringere Kosten – dem Opfer hingegen schlaflose Nächte. 

Das zeigen die folgenden Fälle:

Christopher M. & Tiffany G.

Der heute 27-jährige Christopher M. aus Michigan vergewaltigte die zum Tatzeitpunkt erst zwölf Jahre alte Schülerin Tiffany G. und ihre ältere Schwester, welche er über zwei Tage hinweg in einem verlassenen Haus gefangen hielt. Tiffany erfuhr einen Monat später von ihrer Schwangerschaft und entschied sich, entgegen der Wünsche ihrer Familie, das Kind zu behalten. Im vergangenen Jahr, acht Jahre nach der Tat, beantragte sie staatliche Unterstützung für sich und ihren Sohn. 

Daraus resultierend ergab sich ein Prozess, dessen weitreichende Folgen Tiffany nicht hatte absehen können: Der richterliche Beschluss forderte, der Vater ihres Sohnes Ryan solle Unterhalt zahlen – also der Täter selbst, der für die Tat sogar eine Gefängnisstrafe hatte absitzen müssen und als registrierter Sexualstraftäter gilt! Des Weiteren ordnete der Richter an, Tiffany müsse in die Nähe des Kindsvaters ziehen und dürfe sich nicht weiter als 100 Meilen von seinem Wohnort entfernen, da ihm das gemeinsame Sorgerecht zustehe. Der Fall wird mit nach der Berufung auf das "Rape Survivor Child Custody Act" nun neu verhandelt. 

Warum können Vergewaltiger in den USA das gemeinsame Sorgerecht bekommen?

Timothy M. & Noemi M.

Noemi M, die heute 23 Jahre alt ist, wurde mit 18 Jahren schwanger, nachdem ein drei Jahre älterer Arbeitskollege sie vergewaltigt hatte. Auch sie entschied sich, ihr Kind auf die Welt zu bringen. Doch die Strapazen der Geburt sollten nicht die einzigen Folgen ihrer Entscheidung sein: Ihr Arbeitskollege Timothy M. forderte Umgangsrechte mit seiner Tochter, nachdem Noemi Unterhalt beantragt hatte. 

Seinem Antrag wurde stattgegeben: Jede Woche darf er die kleine Isabella sehen, jedes zweite Wochenende darf sie sogar komplett bei ihm verbringen – ohne Aufsicht der Mutter. Besonders bitter wirkt diese Entscheidung, wenn man die SMS-Nachrichten betrachtet, die der Täter ihr während der Schwangerschaft geschickt hatte und die Noemi in einer CNN-Reportage an die Öffentlichkeit brachte: Darin forderte er sie auf, die Kleine abzutreiben oder sich selbst die Treppe hinunterzustürzen.